January 10, 2019

Tom Maryniak: Tapeten neu erfunden mit Holzschnitt

Wir unterhalten uns mit Tom, der zurzeit in einer Künstlerresidenz in Lissabon weilt, über seine Holzschnitt-Designs, die Tapeten zu Kunstwerken machen.  

Mit Designs wie „Let them Eat Steak“ (Lasst sie Steak essen) und „Farting Victorians“ (Furzende Viktorianer) und „Grecian Porn“ (Griechischer Porno) sind die einzigartigen Tapeten von Tom Maryniak in Wohnungen, Restaurants und Bars auf der ganzen Welt zu finden. Oft absichtlich provozierend, zielen sie darauf ab, unsere Sichtweise über Tapeten zu transformieren.

Tom arbeitet in Lissabon, wo er eine Residenz im Zaratan hat. Sein bevorzugtes Medium, der Holzschnitt, involviert einen akribischen Schneidprozess und die Fähigkeit, seine markanten Designs seitenverkehrt zu visualisieren.   

Nachdem er kürzlich das Buchcover für Ten Drinks That Changed the World zu seinem Portfolio hinzugefügt hat, unterhielt Tom sich mit MOO über seine Bereitschaft, Fehler zu akzeptieren, die Freude, ein Publikum zu schockieren und darüber, wie er seine Künstlerresidenz bekommen hat.  

Wie ist dein Interesse für Design entstanden und was hat dich insbesondere am Holzschnitt gereizt?

Ich kam durch meine Kunst zum Design. Ich bin oft von Kunst umgeben, die mich gleichgültig lässt, also habe ich immer versucht, in meiner eigenen Arbeit (und in den letzten Jahren in meinen Tapeten-Designs) etwas zu kreieren, das heraussticht.   

Eine der einfachsten und primitivsten Methoden, dies zu tun, besteht darin, die Leute zu schockieren – also haben meine Tapeten provokante Motive.

Deine Designs sind voller Atmosphäre – wo suchst du nach Inspiration?

Ich habe mich schon immer für Theater und Erzählkunst begeistert und ich möchte oft Elemente davon in meine Bilder einfließen lassen. Ich überlege, so viel Narrativ wie möglich in ein Stück einzubringen und hänge dieses Narrativ oft an einen Moment kurz bevor oder nachdem etwas Dramatisches geschehen ist.  

Holzschnittdrucke haben mich anfangs gereizt, weil sie so markant und monochromatisch sind. Der Kontrast zwischen dem weißen Papier und den Ablagerungen Schwarzer Tinte gibt ihnen so viel ästhetisches Drama.

Ich denke, meine Einflüsse innerhalb des Mediums Holzschnitt stammen von den deutschen Expressionisten, aber Inspiration kommt von überall her, von Geschichte und Literatur, bis hin zu Fotografie und Essen.

Welchen physischen Prozess durchläufst du, um eine Arbeit zu kreieren?

Reliefdruck, ebenso wie Linol oder Holzschnitt, ist kein besonders instinktiver Prozess. Du arbeitest an einem Bild, das erst lebendig wird, wenn du es einfärbst und dann etwas druckst, was seitenverkehrt auf dem Papier erscheinen wird.  

Wörter müssen rückwärts ausgeschnitten werden und eine schwarze Linie zu erstellen ist nicht so einfach, wie eine mit dem Stift zu zeichnen. Ich ringe immer damit, wieviel ich vom Block wegschneiden und wann ich aufhören sollte, denn die Antworten kommen immer erst im letzten Moment. Es ist wie Roulette spielen.  

Ich mache mir jetzt aber meistens weniger Sorgen, akzeptiere Fehler und genieße das Ergebnis, ohne Erwartung. Was Kunst anbelangt, ist konkrete Erwartung immer eine ziemlich verheerende Taktik.

 

Wie kamst du zu dem Entschluss, dich auf Tapetendesign zu konzentrieren?

Meine Absicht war immer, zu versuchen, etwas Neues mit Tapeten zu machen. Ich habe immer gesagt, dass ich die Leute gerne dazu bringen würde, Tapeten wie ein Kunstwerk zu schätzen, statt sie als etwas zu sehen, das ihre Vorhänge ergänzt.

Ich habe alle möglichen Reaktionen mit meinen Tapeten hervorgerufen, sowohl positive als auch negative, was großartig ist – irgendeine Reaktion ist besser als gar keine. Es gibt ein Restaurant in London [Hixster Bankside], dessen Toiletten mit Tapeten von mir tapeziert sind, die ich als mein Meisterwerk betrachte.

Jedesmal, wenn ich hingehe, schimpft die Chefin mit mir wegen all der Beschwerden, die sie bekommt. Das Design heißt ‘Grecian Porn’ (Griechischer Porno), inspiriert von der Figurenmalerei auf griechischen Vasen der Antike.  

Was ist deine Vorgehensweise, wenn du an kollaborativen Projekten arbeitetst?

Ich stelle immer sicher, dass wir irgendeine Form von Beziehung aufbauen, bevor wir zu einer profesionellen Zusammenarbeit übergehen. Ich denke, es ist wichtig, eine Vorstellung von der Arbeitsweise der Leute zu bekommen und ein gewisses Maß an Transparenz und Vertrauen aufzubauen, bevor man sich in ein gemeinsames Projekt stürzt.

 Ich beginne mit ausgiebigem Skizzieren – der entscheidende kreative Prozess geschieht für mich, wenn ich die Passage in einem Buch visualisiere oder die Texte herausdestilliere, die die Basis für ein Albumcover bilden werden.  

Dann schauen wir uns die Arbeit zusammen an und spielen vielleicht mit der Komposition herum. Ich denke, ich arbeite in dieser Hinsicht wie ein Illustrator, indem ich ein Konzept oder Texte wörtlich nehme und sie in eine visuelle Darstellung übertrage.   

Du bist zurzeit in einer Künstlerresidenz im Zaratan. Welchen Rat würdest du Designern geben, die einen Platz in einem ähnlichen Programm suchen?

Künstleresidenzen sind eine fantastische Gelegenheit, wenn du deiner Arbeit neue Impulse geben willst, aber du musst deine Hausaufgaben machen. Ich habe wochenlang an meiner Zaratan-Bewerbung gearbeitet.

Sicherzustellen, dass dein Künstlerstatement stimmig ist und deine Bilder klar sind, scheint offensichtlich – aber diese Leute durchforsten Hunderte von Bewerbungen pro Woche, d.h., selbst wenn deine Kunst ein Meisterwerk ist, könnte eine schludrige Bewerbung zum Scheitern führen.

Wie sieht dein Studioraum aus?

Ich verbringe mein Leben in meinem Studio. Es ist ein Atelier im dritten Stock, nach Norden ausgerichtet und von Sonnenlicht durchflutet. Das Gebäude ist mitten im Zentrum von Lissabon und hat immer noch all seine originalen Azulejos-Fliesen und Fenster. Es ist ein Traum. Ich habe an dem Raum wenig verändert, außer alles weiß zu tünchen, ein paar Druckpressen und gelegentlich einen Blumenstrauß reinzustellen.

Woran arbeitest du zurzeit – und was kommt als Nächstes?

Die Weihnachtszeit ist immer hektisch, also jongliere ich momentan mit ein paar verschiedenen Sachen. Am Wochenende veranstalte ich zusammen mit einem anderen Druckkünstler Workshops im Studio, mit dem Ziel, Leuten eine Einführung in das Reliefdruckverfahren und die Mustererstellung zu geben.

Ich habe mein eigenes monatliches Postkarten-Projekt, das darin besteht, Abonnenten am Anfang jeden Monats eine handgedruckte Postkarte zu schicken, sowie ein paar andere Aufträge.   

Außerdem bin ich mit einem Verlag über ein großes Projekt im Gespräch, das im Frühjahr 2019 beginnt. Zum Glück liebe ich mein Studio!

 

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