August 24, 2016

Solveiga, die unbeabsichtigte Unternehmerin

Die „unbeabsichtigte“ Unternehmerin Solveiga Pakštaitė ist das Mädchen hinter der Brille der Produktdesignfirma Design By Sol, deren revolutionäres Cleantech-Produkt Bump Mark im Jahr 2014 den James Dyson Award gewann.

Bump Mark ist ein mit Gelantine überzogenes geriffeltes Etikett für Lebensmittel, das deren Zerfallsprozess simuliert. Die anfangs feste Gelantine zersetzt sich nach und nach, d.h. die geriffelte Struktur des Etiketts wird mit abnehmender Frische des Produkts deutlicher fühlbar. Bump Mark wurde ursprünglich für Sehbehinderte erfunden, aber dank seiner größeren Präzision gegenüber vorschriftsmäßigen Haltbarkeitsangaben hat es das Potential, die Lebensmittelverschwendung, die wir tagtäglich sehen, drastisch zu reduzieren und die Lebensmittelbranche zu revolutionieren.

The Bump Mark being used

Doch Solveiga hätte nie gedacht, dass sie mal ihr eigenes Unternehmen führen würde. Sie wurde in Norwegen als Tochter litauischer Informatiker geboren, wollte ursprünglich Psychologie studieren und entschied sich erst in letzter Minute für ein Studium in Industriedesign.

Du beschreibst dich als eine ‚Designerin, die in die Geschäftswelt gezerrt wurde‘. Erzähl uns, was passiert ist!

Ich war schon immer daran interessiert, Design zu nutzen, um Probleme zu lösen und während meines praktischen Jahrs an der Universität arbeitete ich an einer Studie über öffentliche Verkehrsmittel für eine Blindenhunde-Organisation. Ich hatte Gelegenheit, mit vielen blinden Menschen zu sprechen und ihnen viele zu Fragen stellen. Eines Tages sah ich das Verfallsdatum auf irgendeiner Verpackung und erkannte, dass es für Blinde nicht einfach ist, zu wissen, wann ihre Lebensmittel schlecht werden.

Ziemlich schnell wurde mir aber klar, dass Haltbarkeitsdaten nicht nur für Sehbehinderte problematisch sind, und das gab mir die Idee für mein Abschlussprojekt an der Universität. Ich bewarb mich erfolgreich für ein Stipendium der James Dyson Foundation, um das Projekt zu entwickeln, aber weil die verwendeten Materialien wirklich billig waren, gab ich nichts von dem Geld aus und verwendete es stattdessen dafür, ein Patent anzumelden. Und dadurch habe ich meine Idee geschützt, mehr oder weniger durch Zufall.

Nach meinem Abschluss beschloss ich, Bump Mark für den James Dyson Award einzureichen. Dann habe ich es mehr oder weniger vergessen, bis ich ein paar Wochen später erfuhr, dass ich gewonnen hatte! Die Resonanz war unglaublich!

Solveiga Pakštaitė using Bump Mark

Was ist seitdem passiert?

Ich nahm an unserem ersten Inkubator-Programm teil, das Climate-KIC hieß. Das Ziel des Programms war, einem die unternehmerischen Fähigkeiten zu vermitteln, die man braucht, um seine Cleantech-Idee voranzubringen. Aber da ich mein Unternehmen immer noch von meinem ehemaligen Kinderzimmer im Haus meiner Eltern aus führte, kam es mir alles noch ein bisschen unwirklich vor. Aber dann wurde ich im September letzten Jahres für das brandneue Accelerator-Programm von Central Research Laboratory akzeptiert, Großbritanniens erstem Start-up-Inkubator für Hardware. Dort stehen Fertigungsexperten als Mentoren zur Verfügung, es gibt eine hochmodern ausgestattete Werkstatt, um Prototypen herzustellen, und die Büroräume dort haben mir ermöglicht, mein eigenes Team aufzubauen. Anfangs hatte ich nur zwei Praktikanten und dann stellte ich eine Wissenschaftlerin in Vollzeit ein. Seit Mandy angefangen hat, haben wir große Sprünge gemacht und mittlerweile sind wir 7 im Team.

Bump Mark Solveiga Pakštaitė Business Cards

Welchen Rat würdest du Leuten geben, die ein Unternehmen gründen wollen?

Selbst wenn man scheitert, kann man soviel daraus lernen. Etwas Eigenes auf die Beine gestellt zu haben ist weitaus beeindruckender für einen potenziellen Arbeitgeber als jede andere Berufserfahrung. Mir hat es geholfen, das Ganze einfach als eine Lernerfahrung zu betrachten, um einen kühlen Kopf zu bewahren. Es ist so ein neues Gebiet der Wissenschaft, das wir erkunden, also sehe ich es einfach als eine Gelegenheit, den Wissensstand voranzubringen und zu versuchen, die Lebensmittelindustrie herauszufordern

Aber es ist hart! Ich meine, es hat schon seine Vorteile; man kann sich seine Zeit selbst einteilen, manchmal ergibt sich die Möglichkeit, zu reisen, manchmal gewinnt man Wettbewerbe. Aber der Alltag involviert eine Menge Unsicherheit, wenn man ein Start-up führt. Die Hälfte der Zeit hat man keine Ahnung, was man tut, und es ist harte Arbeit. Ich hatte auch gedacht, dass ich mit einem größeren Team weniger zu tun haben würde, aber das Gegenteil ist der Fall. Es ist toll, ich schätze mich glücklich, ich lerne so viel, aber es ist definitiv nichts für schwache Nerven.

Man muss auch sehr aufpassen, dass private Beziehungen nicht darunter leiden. Ich habe mir angewöhnt, sehr vorsichtig mit dem Satz „ich hab‘ keine Zeit“ umzugehen, weil jeder genau gleichviel Zeit hat. Nur was man damit anfängt, ist einem selbst überlassen. Stattdessen zu sagen: „ich habe mir keine Zeit genommen, es tut mir leid“ bringt mich dazu, meine Entscheidungen zu überdenken.

Bump Mark Solveiga Pakštaitė Business Cards

Wie geht es weiter?

Bisher habe ich Beteiligungsfinanzierung vermieden, weil ich warten wollte, bis der Wert des Unternehmens so hoch wie möglich ist, bevor ich Anteile verkaufe. Aber jetzt erkunde ich die Möglichkeiten, damit wir einige unserer fantastischen freien Mitarbeiter behalten können und vielleicht sogar unser eigenes Labor bekommen.

Weiteren hilfreichen Rat von der unerwarteten Geschäftsfrau, darunter Networking-Tipps und clevere Ideen, an „freies Geld“ zu kommen, finden Sie in Solveigas amüsantem und inspirierenden Blog hier.

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